T E X T S       |       P R E S S


Es ist Montag, der 15.Jamuar 2018 und ich bin im Landtag Brandenburg in Potsdam. Eine Ausstellung wird eröffnet. Sie trägt den Titel „Das andere Kapital“. Natürlich denke ich an Karl Marx, der am 5.Mai vor 200 Jahren geboren wurde. Bei Karl Marx ging es um Ökonomie und Gesellschaftskritik. Im Landtag Brandenburg hängen Zeugnisse eines ganz anderen Kapitals. Die Künstlerinnen der GEDOK Brandenburg gehen mit ihren Werken der Frage nach: Was sind gesellschaftlich „kapitale Werte“ angesichts der zunehmenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche und des allgegenwärtigen Kosten-Nutzen-Denkens? Zu sehen sind bis Ende März 2018 Werke von 26 Künstlerinnen unter denen ich vor einem besonders lange verweilte:

Die 1959 in Görlitz geborene Bettina Mundry setzt mit ihrem Werk „Terror“ (2016) die Wirkung von Respektlosigkeit ins Bild. Schwarz und rot dominieren. Im Zentrum ein spinnenartiger Körper mit einem Gesicht. Man ahnt, das da kurz zuvor etwas explodiert ist. Ein Schrei liegt auf diesem Gesicht und es scheint, als würde das Blut dieses Körpers aus dem Bild herausspritzen. Es fließt über viele Augenpaare am unteren Rand. Sind sie Zuschauer des Geschehens oder Teil davon?

Als Betrachterin stehe ich davor und fühle die Grausamkeit des Dargestellten. Ich erinnere mich sofort: Kurz vor Weihnachten 2017 war ich an der Gedächtniskirche in Berlin. Mein Amtsbruder Martin Germer führte mich und andere PfarrerInnen an die Stätte des Terrors vor seiner Kirche. Ich sah und blieb irgendwie distanziert. Doch jetzt, im Januar 2018, führt mich das Bild von Bettina Mundry direkt in den schrecklichen Augenblick vom 19.Dezember 2016 als ein Attentäter mit einem Sattelschlepper in eine Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt fuhr. Das Bild gibt dem Augenblick Ausdruck und mir als Betrachterin die Möglichkeit, etwas zu erkennen: Terror ist Respektlosigkeit gegen den Leib und die Seele. Terror ist rabenschwarz und blutig. Terror übt Macht aus und will alles in ein Chaos stürzen. Terror erzeugt Täter und Opfer.

Plötzlich schiebt sich in meinem Inneren ein anderes Bild darüber: der leidende Christus am Kreuz. Blutig gefoltert, mit einem Schrei auf den Lippen. Fragen kreisen in meinem Kopf herum: Warum lässt Gott das zu? Aus meinem Gedächtnis springt eine Liedzeile von Gerhard Schöne zum Choral „Jesu, meine Freude“ ...Und wenn ich ganz unten bin, weiß ich dich an meiner Seite, Jesu, meine Freude.

Mir fehlen stets die Worte, wenn es um das unsagbar schreckliche Leid auf dieser Welt geht. Vielleicht bin ich deshalb solange stehen geblieben vor dem Bild von Bettina Mundry. Als Pfarrerin soll ich Zuversicht geben, Gottes Wort sagen als frohe Botschaft. Doch was sagt eine Pfarrerin angesichts des Terrors? Am besten nichts.Ich kann nur hoffen, dass es stimmt, was Gerhard Schöne singt und dass wir Jesus an der Seite haben wenn es blutig, roh und schrecklich wird. Nichts anderes macht Sinn für mich, wenn ich den Gekreuzigten betrachte.

Ich wünsche uns Jesus an der Seite in den nächsten Wochen von Passion und Ostern!

Pfarrerin Susanne Seehaus




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„Nichts ist schon zu spät …!“ (Henning Mankell)


Wer sich auf die Arbeit von Bettina Mundry einlässt, wird an diesem Gedanken wohl kaum vorbei kommen. Sie malt realistisch, meist überlebensgroß, die Bilder intensiv in ihrer Farbigkeit, intensiv auch in ihrer Aussagekraft. In der Regel sind es Portraits von Menschen die ihr nahe stehen: Verwandte, Enkel, Kinder … Menschen die ihr am Herzen liegen, die sie berühren. Menschen die etwas zu erzählen haben und die vielleicht nicht mit dem Mund, wohl aber mit den Augen sprechen können. So wird ein Moment nur in einem Blick manifest, der etwas von einer Persönlichkeit und von ihrer Geschichte Preis gibt. Keine Worte, sondern ein Gesicht mit einem Ausdruck. Bettina Mundry fängt ein und erzählt uns so etwas davon, führt uns näher heran und lässt uns mitfühlen. Und so verhält es sich auch mit ihren Selbstportraits. Sie sagt: „Es gibt Dinge, die kann ich am besten mit meinem eigenen Gesicht sagen…“ und so steht sich die Malerin selbst Modell und fügt Gedanken, Stimmungen und Gefühle zusammen in die ihr vertrauteste Projektionsfläche. Reduziert auf den IST-Zustand, ganz Gegenwart und präzise.

Bettina und ich leben und arbeiten nun schon seit einiger Zeit zusammen und immer noch ist die Entstehung eines neuen Bildes, welches solitär oder als Teil einer Serie steht, aufregend … und überraschend für mich. Es kommt regelmäßig vor, dass ich begeistert bin und in ein Bild hineingezogen werde weil es mich emotional berührt. Es ist mehr als nur der Blick eines Protagonisten der mich verfolgt. Bettina arbeitet offen. Meist an mehreren Bildern parallel und lässt mich die Entstehung miterleben. Sie präsentiert nie erst ein fertiges Kunstwerk, spricht im Prozess über das was sie zum Ausdruck bringen möchte … und es stimmt darin unterscheiden wir uns. Im Atelier stehen ihre Staffeleien nie am Rand, sie beschränkt sich nicht auf einen Teil des Raumes … und unser Atelier ist groß. Nie wirkt Bettina überfordert von dem was sie vorhat, oder vielleicht von den Ausmaßen ihrer Leinwand. Sie weiß, dass sie sich auf sich und ihre Fähigkeiten verlassen kann. Selbstvertrauen kommt durch handwerkliche und emotionale Kompetenz.

Ihr Pinselstrich ist kontrolliert, das Ergebnis dennoch offen. Bettina malt nicht, um etwas zu verarbeiten oder um einen Konflikt nonverbal und aus der Distanz heraus auszutragen. Bettina malt um den Menschen etwas von ihrer Unbeugsamkeit, ihrem Mut und ihrer Zuversicht mitzugeben. Sie ist ein offensiver Mensch und folglich auch als Künstlerin offensiv. Ausgestattet mit der für einen Künstler wichtigsten Gabe … die der Sensibilität. Auch mir erschließ sich nicht jedes Bild sofort, aber ich kann eintauchen in meine Gedankenwelt und ich werde fündig. Für mich bleibt es ein Privileg Bettinas Werke als Erster sehen zu dürfen und nicht immer … aber oft fragt sie mich nach meiner Meinung. Dieser Austausch ist anregend, fruchtbar, manchmal auch aufgeladen und kontrovers, aber immer ist er wertvoll … letztlich auch für meine Arbeit.

Auf Bettina Mundrys Arbeiten muss man sich einlassen können, den oftmals direkten und auffordernden Blick der Dargestellten muss man aushalten können. Das ist nicht immer einfach, denn sie schauen tief in unsere Herzen … muss es denn einfach sein? Wer es schafft, wird mit folgender Erkenntnis belohnt: „Ich bin einer von euch, mittendrin. Nimm du die Herausforderung an, such nach Perspektiven und vertraue deinen Fähigkeiten … nutze sie … widersetze dich … kämpfe!“ “The one thing that you have that nobody else has, is you. Your voice, your mind, your story, your vision. So write and draw and build and play and dance and live only as you can.” (Neil Gaiman)

Bettina Mundry muss niemanden beweisen, dass sie malen kann. Sie benötigt keine „Heimat“ um sich emotional verortet zu fühlen, vielleicht malt sie auch deshalb keine Landschaften … können würde sie es. Als Malerin bleibt sie unabhängig, doch niemals neutral. Und selbst wenn ihre Protagonisten in den Bildern scheitern, scheitern sie grandios und bis zur vollständigen Auflösung. „Manchmal ist Scheitern eben Scheitern und keine Chance die sich ergibt, aber wie ich unter gehe … bestimmt nicht ihr! Nichts ist schon zu spät…!“

Mit ihrer Kunst leistet Bettina Mundry ihren Beitrag zur Nachhaltigkeit im kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft. Wer wird sich schon an die Bilanzen eines börsendotierten Unternehmens oder an die Insolvenz einer Bank erinnern. Es sind immer Kunstwerke, die den Menschen eine Zeit nahe bringen und die das Leben in ihr anschaulich und begreifbar machen …auch in Zukunft.

Laudatio zur Exposition „Den Umständen entsprechend vergnügt“ / Arne Kalkbrenner - Prenzlau - 2015



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Augen, Ohren, Herzen öffnen

Mit meinen Bildern erforsche ich Unsichtbares, breche behutsam sichtbare Oberfläche auf, ohne zu zerstören - zum Teil auf humorvolle, zum Teil auf ironische Weise. Ich mache Wünsche, Träume, Alltagsbefindlichkeiten, Bedürfnisse, Emotionen, menschliche Stärken und Schwächen in Form und Farbe lebendig. Das eigene aber auch das fremde Ich erwachsen dabei zu Bildgegenständen.

Aus einer inneren Notwendigkeit heraus finde ich Symbole für das Leben - die Bewegung und die Begegnung - das Reifen und Wachsen. Dabei öffne ich Augen, Ohren und Herzen der Menschen und trage meine Vision in die Welt, dass wir Menschen uns aufrichtiger begegnen mögen, den Mut haben, Gefühle zu zeigen oder aus der Reihe zu tanzen.

Leben ist Begegnung. Wir Menschen müssen aufeinander Acht geben, uns in unserer Einzigartigkeit respektieren, sensibel miteinander umgehen, zuhören: offenen Auges, offenen Ohres, offenen Herzens. Nur so wird offene Begegnung möglich.

Leben ist Bewegung. Alles ist im Fluss. Das Bewegte fließt und wächst aus meinen Figuren heraus. Es sucht sich seinen Weg, um Einfluss zu nehmen, um etwas zu bewegen, einen fruchtbaren Dialog zu eröffnen, das Leben anderer Menschen kraftvoll zu durchströmen.

Leben ist Wachsen und Reifen. Veränderungsprozesse des eigenen aber auch des fremden Ichs symbolisiere ich durch Ranken, Blüten, Bäume oder Naturstrukturen, wie Baumrinden und Wasserkreise. Die Intention der Veränderung möchte ich weitertragen und Augen, Ohren, Herzen öffnen.

Bettina Mundry *1959




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Die Bilder von Bettina Mundry lassen die Phantasie treiben wie einen Kahn auf weitem offenem See.
Immer gehört eine Geschichte dazu, die ohne sichtbare Absicht erzählt wird und keine stellvertretenden Symbole zitiert.
Die Motive brauchen ihre eigene Zeit des Wachsens, füllen den Kopf und müssen „ausgemalt“ werden, bevorzugt mit Acryl, Pastellkreide und Tusche.
Wir werden Zeuge, wie Gefühle frei werden und (manchmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes) dem Kopf entspringen.

Die Bilder spiegeln Stimmungen von Harmonie bis Streitlust, von Ironie bis Traumtanz. Trauen wir also der Phantasie.

Katalogtext von Carola Baum - Lyrikerin




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Wie Wanderer, die auf stürmischer Landstraße ihren Mantel nach der Seite hängen, aus der der Wind kommt, beschreiten Bettina Mundry und Arne Kalkbrenner das Feld der Kunst. Dabei zeigen sie Charakter, retten Grundsätze und schicken sich vergnügt in Umstände, die sie nicht erschaffen, aber gestalten können. Diese Künstler tragen ihre Mäntel auf beiden Schultern, können so gefasst auf alle Möglichkeiten sein. Aber kommen sie mit friedlichen Absichten?

Was weht uns da an? Süß portioniere Rettungswesten, von rotem Schokoladenpapier gesättigte Standardwaffen und flugunfähige Tauben verschonen uns nicht, über andere Verluste nachzudenken, als der Wohlstand sie vor uns ausbreitet. Was ist aus der tröstenden kleinen weißen Friedenstaube des Kinderliedes geworden, das Arne Kalkbrenner erinnert? Sollte sie nicht übers große Wasser allen Menschen, groß und kleinen, den Frieden bringen?

Der Künstler stellt 25 Figuren in den Raum und überlässt den Betrachtern die Entscheidung, ob die willkürliche Markierung Rettung bedeutet, auf Davonkommen, kündende Sicherheit verweist oder das Gegenteil bewirken wird. Nichts wird vom Künstler beschönigt, nur der Deckmantel gelüftet, unter dem Politik moralische Maßstäbe wieder ins Dunkel hüllt und verändern will. Da dräuen Verhaltensweisen, die viele gern der Vergangenheit anheimgeben.

Die Neigung, mit der Bettina Mundry und Arne Kalkbrenner in ihrer künstlerischen Arbeit Liebe und Zorn vereinen, berührt. Sie wird in der beabsichtigten Aussage genauso sichtbar wie in den gewählten Ausdrucksmitteln.

Man soll den Mantel kehren, wie das Wetter geht, sagt ein altes Sprichwort aus einer Zeit, als ein Mantel nichts als Schutz bedeutete. Mit Wärme erfüllen die „Zauberlehrlinge“ von Bettina Mundry das Herz des Betrachters, entrinnen Stationen des Lebens kühler Berwertung, wird der Ariadnefaden gestrickt, der vom Schicksal kuriert und Lebensträume befreit.

Verspielt und fröhlich geht das Künstlerpaar durch den Sturm. Garantiert waffenlos. Teilen sie den Mantel? Oder hat sich dieser verdoppelt?

Laudatio zur Exposition „Den Umständen entsprechend vergnügt II“ / Ines Baumgartl - Rangsdorf - 5.3.2017




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Nachsatz zur Personalausstellung WEIBSBILDER und andere Kleinigkeiten in der Galerie Kuckucksnest in Berlin, März 2007


Mit mehr als vierzig Gästen war die Vernissage schon sehr gut besucht!
Die Lyrikerin Ines Baumgartl las aus ihren Werken und verlieh damit dem Abend einen besonderen Klang.
Vielleicht verdanken wir dem Presseartikel über unsere 100. Ausstellung das größere Interesse; die Begeisterung ist aber allein der Auffassung von Bettina Mundry geschuldet.
Mit Schmunzeln und Staunen betrachteten Leute die Bilder, fanden sich darin wieder, waren deutlich angezogen, fühlten sich verstanden und verstanden selbst.
Eine solche Resonanz ist selten und wird die Malerin freuen, die betont, dass ihr am Darstellen des Alltäglichen liegt.

Konstanze Sass





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